„KENNEN SIE NOCH BASIC VOM C64?“

Ein Interview mit Jan-Hendrik Goldbeck über den Systembau in der Architektur und die Zukunft des Bauens.

Fotos: Robertino Nicolic

Jan-Hendrik Goldbeck ist Geschäftsführender Gesellschafter der GOLDBECK GmbH


Systemisches Bauen

Lego oder Fischertechnik? 

Jan-Hendrik Goldbeck (JG):  Lieber Lego, seit jeher gewesen. 

Goethe oder Beethoven? 

JG: Beides. 

Baulöwe oder Technologieführer?

JG: Technologieführer. 

Stahl, Beton oder Holz? 

JG: Alles. Derzeit im Bereich unserer Bauten Stahl und Beton. Aber Holz hat heute auch seine Daseinsberechtigung.

Holz im systemischen Bauen. Ist das der kommende Baustoff? 

JG: Den Hype um Holz würde ich eher in die Kategorie Populismus stellen. Das ist ein nachwachsender Rohstoff, der als Baustoff sicher seine Daseinsberechtigung hat. Holz hat einen guten Nutzen und Eigenschaften, die bestimmte ästhetische Anforderungen erfüllen. Es ist relativ leicht, die Bearbeitbarkeit ist sehr gut. Daher hat es viele Vorzüge – aber es gibt auch Nachteile. Wenn ich etwa in Richtung echter Nachhaltigkeit denke, hat Holz entsprechende Ambivalenzen oder Multivalenzen. Denn was heißt nachhaltig? Nachhaltigkeit hat nicht nur eine ökologische Dimension und energetische Aspekte. Ebenso wichtig ist die sozioökokulturelle Dimension – insbesondere im Bereich der Architektur – sowie die wirtschaftliche. In welchen Dimensionen Holz gut oder schlecht ist, kann man nur verproben. Das ist ein sehr breites Feld. Grundsätzlich ist Holz im Sinne von „cradle to cradle“ eher schwierig zu bewerten. Das Thema Rezyklierbarkeit ist kompliziert, da Holz meist als Verbundwerkstoff auftritt. 

Holz ist im Bereich der Wirtschaftlichkeit derzeit noch nicht dort, wo andere Baustoffe sind. Auch in der Statik und der Wettersicherheit auf der Baustelle, sprich Wasserresistenz, gibt es noch gewisse Herausforderungen. Deshalb ist es wichtig, im Hype um den „Baustoff der Zukunft“ nicht zu idealisieren. Stattdessen muss man seine Fähigkeiten und Schwächen realistisch bewerten und bedenken, dass es auf diesem Feld noch viel Entwicklungspotenzial gibt.

Auch wir widmen uns diesem Thema und erforschen alternative Werkstoffe – neben Holz zum Beispiel auch Carbon. Dabei treten wir immer für eine wertstoffgerechte Verwendung ein. Jedes Material hat seine Daseinsberechtigung in einem speziellen Kontext. Die optimale Lösung liegt in einer sinnvollen Kombination von Stahl, Beton, Holz und weiteren alternativen Baustoffen gemäß ihren individuellen Eigenschaften.

Wie weit gehen Sie im Systembau? Was produzieren Sie selbst, was kaufen Sie zu? 

JG: Das ist eine Frage, die wir uns beständig stellen: An welcher Stelle lohnt sich ein Insourcing? Bei Materialien, die eine Art von Stückware sind oder sehr speziell oder komplex herzustellen sind, kaufen wir zu. Zum Beispiel bei Fenstern. Wir kaufen die Profile, bauen das Fenster aber selbst im eigenen Werk. Das wiederum bauen wir in die Wand ein, die wir dann en bloc auf die Baustelle liefern und dort verbauen. 

Wir produzieren alles im Takt, wie am Fließband. Der Fensterrahmen wird von Robotern in Bielefeld geschweißt, dann geht er nach Hamm in unser Betonfertigteilewerk. Dort wird der Rahmen in die Schalung eingelegt, Beton wird eingefüllt, abgebunden, Fenster werden abgedichtet, Sonnenschutz dran, fertig. Ein bautechnisch optimierter Prozess, durch den die jeweils erforderlichen Elemente just in time auf der Baustelle angeliefert werden.

Ein System besteht ja aus standardisierten Teilmengen, wie fügt sich alles zum Gesamtsystem Goldbeck? 

JG: Das Schöne an einem System ist, dass man es im Grunde als ein komplexes Geflecht an Wenn-dann-Beziehungen beschreiben kann. Wenn Sie wie ich in den 1980er Jahren groß geworden sind, kennen Sie sicher noch die Programmiersprache Basic vom C64: If – then go to. Ähnlich ist unser System auch zu interpretieren. Und so funktioniert Bauen ja generell. 

Die Magie des Systems ist, dass ich die Rahmenbedingungen setze und der Rest sich ergibt. Das ist der berühmte grüne Knopf, von dem aus dann alles automatisiert passiert, bis hin zur Information, die an die CNC-gesteuerten Fertigungsmaschinen geht. Allerdings muss man ehrlicherweise sagen, dass es diesen einen grünen Knopf so bis heute noch nicht gibt. Es wird derzeit eher an einer Vielzahl kleiner grüner Knöpfe gearbeitet, die zusammen einen Prozess abbilden. 

Wenn ich etwa an einer Logistikhalle ein Fensterband einziehen will, werden die Maße ermittelt und daraus automatisch die Zuschnitte für die Fassade berechnet. Falls ich etwas verändere, passt sich alles andere automatisch an. Das ist so ein Knopf ... 

Das funktioniert in der Planung und natürlich auch in der Fertigung. Und in Zukunft immer öfter. So kann ich mich als Architekt oder Bauunternehmen darauf konzentrieren, wie Planung und Bauen noch besser ineinandergreifen. Das ist kein Antagonismus, sondern eine Kollaboration. Wie zum Beispiel mit Holger Meyer. Aber durch das Verzahnen komme ich eben früher in einen planerischen und kreativen Dialog.


„PROZESS HEISST NICHT, DU MUSST AUFHÖREN ZU DENKEN. PROZESS HEISST, DU HAST DIE FREIHEIT, WEITER ZU DENKEN.“

JAN-HENDRIK GOLDBECK

Wie kommen Sie zu der Zusammenarbeit mit holger meyer architektur oder anderen Architekten? 

JG: Über die letzten 15 Jahre haben wir die Rahmenbedingungen im System immer mehr der architektonischen Vielfalt geöffnet. Je mehr wir uns technisch verbessert haben, desto flexibler sind wir geworden. Und damit umso interessanter für Architekten und Bauherren. Am Ende geht es doch darum, einen Partner zu finden, der sich gerne im Kontext des Systems austoben mag und sagt: Die Restriktionen sind nicht so groß, dass sie mich in meinem Professionalitätsanspruch beschränken.

Holger Meyer (HM): Stimmt. Wir, aber auch ganz viele Kollegen merken, dass eine solche Optimierung der Prozesse zwingend ist, um effizienter und schneller zum Ziel zu kommen. Wir können uns auf Dinge konzentrieren, die wir individualisieren wollen, da andere Dinge systematisch schneller ablaufen als bei einer komplett individuellen Lösung. Die knappen Zeitvorgaben in der Planungs- und Bauzeit sind etwas, das uns oft sehr weh tut. Da hilft uns ein modulares System mit fixen Parametern, schnell und früh viele richtige Entscheidungen zu treffen. Es wird zu einem Beschleunigungsfaktor, der Ressourcen freisetzt. Ressourcen, die wir wiederum einsetzen können, um architektonische Qualität zu schaffen. Das ist für uns eine extrem konstruktive und gute Zusammenarbeit. Wir haben einen klar ablaufenden Prozess und kompetente Ansprechpartner am Tisch, die immer die richtigen Antworten geben können. 

Für mich stellt sich hier jedoch die Frage: Ist das die eigentliche Herausforderung? Goldbeck ist ein rasant wachsendes Unternehmen mit einem Systembaukasten, der seinen Kunden bzw. den Architekten Individualität verspricht. Das ist für manchen Architekten ein Widerspruch in sich. Und eine Gratwanderung für jeden Mitarbeiter im Unternehmen: Was darf ich, was darf ich nicht? 

JG: Wir haben das System ja nicht entwickelt, weil es besonders gut baubar ist. Sondern weil wir uns gefragt haben, was der Markt verlangt und wie wir das gut umsetzen können. Das ist eine andere Herangehensweise. Wir denken in Produkten und Kunden statt in „Baumasse“ und „Bauherren“. Das Produkt ist konfigurierbar – ähnlich wie beim Auto, nur noch individueller und mit mehr Möglichkeiten. Die Grundlogik, der Baukasten, ist immer derselbe. 

Aber das Produkt ist nicht das Einzige, was bei uns systematisiert ist. Auch der Prozess ist es. Die Arbeitsabläufe, wie ich Themen hintereinanderkriege, planerisch und auf der Baustelle. Wie ich sie verzahne, verschachtle, ineinander so verschränke, dass das Optimum für den Kunden und für uns dabei herauskommt. Das ist eine Prozess-Parallelisierung. Und beides, sowohl Produkt als auch Prozess, folgen immer dieser Logik von Leitplanken und Gummibändern. Die Leitplanken sind das System. Und es gibt die Gummibänder, die Freiheiten ermöglichen. Hier haben wir einen Dialog aus Vertrauen und Verantwortung – das entspricht unserer Unternehmenskultur. Oder anders gesagt: Wir vertrauen darauf, dass ihr, liebe Ingenieure und Architekten, die ihr bei Goldbeck arbeitet, je nach Projekt selbst entscheidet, was das Richtige ist. 

HM: Das ist der Spannungsbogen. Wir haben immer wieder modulare Bauaufgaben und systemhafte Überlegungen. Das Interessante daran ist, dass uns genau das, was Sie gerade beschreiben, oft fehlt – das frühe Implementieren des systemhaften Denkens im Planungsprozess. Wir arbeiten oft an Bürogebäuden und alle Beteiligten wollen dann das Rad neu erfinden. Am Ende kommen wir zu einer systemischen Lösung, weil sie sich aus der Aufgabe ergibt. 

Aber Architekten wie auch Bauherren und Projektsteuerer machen gerne die Ochsentour und stellen alles noch einmal infrage: das Raster, die Höhen, die Stützenstellungen. Das ist eigentlich ein interessanter und kreativer Prozess. Man kann ihn aber abkürzen. Das ist eine Lernkurve und da zwingt das Wenn-dann-System konsequent am Anfang zum Denken. Insofern ist das System aus unserer Sicht überhaupt keine Beschränkung, sondern eine Systematisierung des Prozesses, der uns Freiheit im Denken 
verschafft. 

Gregor Gutscher (GG): Es hilft, sich auf den Bereich zu konzentrieren, in dem man kreativ sein kann. Das Gebäude hier bildet alle Inhalte ab, die ich den Mitarbeitern, die bei uns neu anfangen, zu Beginn immer wieder erklären muss: Raster, Geschosshöhen abgestimmt auf eine Tiefgarage, 400-Quadratmeter-Einheiten – ein gedachter modularer Baukasten –, das Einmaleins der Planung. Und Goldbeck bietet an, das so zu bauen, weil es in parametrisierten Modulen schon umgesetzt ist. Dadurch kann ich mich auf die wesentlichen Dinge konzentrieren. Das mag ich an unserer Zusammenarbeit: Das System ist gut – lass uns bitte ausloten, wo wir ansetzen müssen, damit es nicht „nur“ ein System ist.

„WIR LÖSEN DIE GEGENSÄTZE ZWISCHEN GUTER ARCHITEKTUR UND SYSTEMBAU AUF.“

JAN-HENDRIK GOLDBECK

JG: Hier liegt unsere Stärke. Wie viele Gebäude gibt es und wie viele davon haben den Anspruch, ein Unikat zu sein? Sie können an einer Hand abzählen, wie viele Gebäude in einem Jahrzehnt tatsächlich so individuell gebaut werden. Umgekehrt bedeutet das, dass die meisten Gebäude in der Nutzbarkeit einer systemischen Logik folgen – weil es sinnvoll ist für die Arbeitsplätze, für die Wohnsituation oder für die funktionalen Beziehungen zwischen Räumen und Tragwerk. An dieser Stelle eröffnet sich genau die Möglichkeit, die wir immer predigen: Als guter Architekt kann man gerade hier seine Akzente setzen. 

HM: Architektur ist eine gesellschaftliche Aufgabe mit aktuellen Fragestellungen: Wie verändert sich das Wohnen? Wie werden wir in Zukunft arbeiten? Wie kaufen wir ein? Diese drei Fragen skizzieren den gesellschaftlichen Umbruch, in dem wir leben. Wir müssen uns damit beschäftigen, wie Stadt in der Zukunft funktioniert.

Der Handel, die Arbeitswelt ändern sich. Beim Wohnen sind wir noch immer archaisch in den 1950er Jahren unterwegs. Was immer den heutigen Anspruch an Lebensstil und -qualität ausmacht, ist in die Systemprozesse noch gar nicht eingeflossen. Die „Lösungen“, die wir gerade aufgrund der Krise in hohem Tempo realisieren, haben weder räumlich noch städtebaulich noch inhaltlich wirklich Qualität. In Deutschland neigen wir dazu, das Bauen zu kompliziert zu machen. Wir haben eine Wohnungs(bau)not – ersticken aber in Vorschriften. Wir können die energetischen Vorgaben bei Wohnhäusern kaum mehr umsetzen – und erzeugen 30 Prozent höhere Baukosten, um 3 Prozent Energie zu sparen. Wir stecken in einer Sackgasse – aber niemand traut sich das zu korrigieren, weder Gesetzgeber noch Verbände.

JG: Das ist das Problem. Ich gebe mal ein Beispiel: Wir haben an dem GDW-Wettbewerb für kostengünstiges Bauen im Wohnungsbau teilgenommen. Es ging darum, ein serielles Konzept zu entwickeln. In der Gesamtschau nach dem Wettbewerb stellte man fest, dass die Lösungen gar nicht günstiger sind als konventionelle. Keiner hatte bedacht, dass Serieneffekte ohne Serie nicht funktionieren. Man bekommt keine Serie hin, weil es a) in jedem Bundesland andere Vorschriften gibt und es b) selbst dort, wo es funktionieren könnte, an den Strukturen und dem Willen scheitert. 

So kommt man auch nicht von 2.000 Euro brutto pro Quadratmeter Wohnfläche auf 1.600 Euro – eine Zahl, die meines Erachtens durchaus erreichbar wäre, wenn man konsequent eine serielle Fertigung umsetzen würde. 

Auf dieser Basis könnte man sich dann auf das Gesamtsystem konzentrieren, auf Einkaufsprozesse ebenso wie auf bauliche Verbesserungen, und Schritt für Schritt optimieren. Dafür muss man zuerst aber die Projekte bauen. Das Ganze funktioniert nicht am Reißbrett. Sonst hätten das schon andere getan.

BIM

Welche Rolle spielt denn BIM im Systembau? 

JG: Der Digitalisierungsprozess des Bauens: Da habe ich mir immer ein Wellenmodell vorgestellt, das sich zeitlich überlappt. Die erste Welle liegt im Bereich der Digitalisierung der Planung. Sie erzeugt ein kohärentes dreidimensionales Gebäudemodell – unser Anspruch ist, dieses bei jedem Projekt im normalen Prozessablauf zu erstellen. Hinzu kommen die Dimensionen Zeit und Kosten. Daran hapert es heutzutage aber noch. Das Problem ist, dass es keine Software gibt, die alle planungsrelevanten Dimensionen in vollem Umfang und unkompliziert darstellen kann, so dass man das Modell nachher auch sinnvoll und ganzheitlich nutzen kann. An den erforderlichen Lösungen arbeitet unser 30-köpfiges BIM-Entwicklungsteam – zusammen mit 1.500 ArchitektInnen und IngenieurInnen aus den verschiedenen Kalkulations-, Konzeptions- und Planungsbereichen.

Die zweite Welle ist die Realitätserfassung der Baustelle durch Sensoren, Drohnen, Fotogrammetrie, 3D-Laserscanning oder andere Techniken – in Echtzeit und fortlaufend, gesichert in der Datenbank, jederzeit abrufbar und optimierbar. So ermöglichen wir einen permanenten Abgleich des virtuellen Solls mit dem faktischen Ist.

Und wenn man all diese Informationen hat, folgt die dritte Welle. Dann verbessert man Augmented-Reality-Applikationen und optimiert den Einsatz von Maschinen, um aus dem Delta zwischen Soll und Ist konkrete Handlungsoptionen abzuleiten.

Zuletzt folgt die vierte Welle: das Verständnis des Planungs- und Bauprozesses als kybernetisches System. Je nachdem, was in Echtzeit passiert, gleiche ich meine Handlungen an. Sobald ich einen Unterschied zwischen Ist und Soll wahrnehme, kann ich gezielt auf das Delta reagieren. Daraus entspringen dann konkludent alle möglichen Ableitungen für den gesamten weiteren Bauprozess.

Erst dann hat man eigentlich die Macht der Digitalisierung begriffen und sie in die Planung und das Bauen implementiert. Aber das ist ein Prozess, der meines Erachtens noch 20 bis 30 Jahre dauern wird. Immerhin bekommt man jetzt nach und nach neue Features, die man nutzen kann. Wir versuchen uns gerade an dem Thema Kosten. Eines unserer ersten Ziele ist es, Mengen aus dem System so abzuleiten, dass man sie qualifiziert in einer Ausschreibung verwenden kann. Auch dafür gibt es derzeit noch keine wirklich guten Tools am Markt. 

Wenn irgendwann einmal alle Wellen sukzessive in den Ablauf einfließen, dann wird Bauen 
schneller und dadurch günstiger. Das alles bei einer besseren Traktion, also auch qualitativ 
hochwertiger. Ich bin überzeugt, dass wir in dieser Hinsicht sehr viel erwarten können. Während der letzten zehn Jahre war der Hype zwar groß, aber kaum jemand hat bemerkt, dass das einen fundamentalen Wechsel im Kopf aller Planer, aller Architekten und letztlich aller Baubeteiligten bedeutet.

HM: Das stellt natürlich den Planungsprozess komplett um. Wir müssen diese Informationen quasi vom ersten Tag an in ein Modell implementieren. Wir Architekten sind in gewissen Dingen Anachronisten – wir kommen aus einer Zeit, da gab es noch den „Rapidografen“. Ich zeichne das und der Vorentwurf war ein überrissener Strich und das war die Außenwand. Heute ist das ein Wandelement, das hat einen spezifischen Aufbau, es trägt alle Informationen wie Bauphysik, Statik, Gestaltung, Bau- und Montageablauf, Kosten, Lieferzeiten, Wartung und Recyclingfähigkeit in sich. 

Wenn ich dieses Element am Anfang nicht richtig definiere und einbaue, baue ich das Modell halt mehrfach. Für mich bedeutet das, ich muss die Mitarbeiter, die das machen, mitnehmen und erst mal anlernen, überhaupt in einem 3D-Modell zu denken. Und ich muss den Bauherren erklären, dass dieses Denken in dem Modell den Planungsprozess verändert. 

Wir brauchen mehr Zeit für den Vorentwurf, weil ich erst diese Informationen haben muss. Zudem stimmt dann unser Honorarmodell nicht mehr. Das hat noch keine Kammer richtig verstanden. Das hat auch noch kein Bauherr richtig verstanden. Wir müssen unsere Mitarbeiter aber jetzt auf diese Reise mitnehmen, was wir mit viel Geld und Aufwand tun. Gleichzeitig müssen wir versuchen, ihnen zu verdeutlichen: Wenn ihr diese Reise jetzt nicht mitmacht, dann seid ihr irgendwann draußen.

„WIR BRINGEN KUNDEN UND ARCHITEKTEN DAHIN, IM DIALOG MIT DEM ALGORITHMUS EIN GEBÄUDE ZU ENTWICKELN, DAS DANN SYSTEMISCH REALISIERT WIRD – DAS IST UNSERE VISION."

JAN-HENDRIK GOLDBECK

JG: Stimmt, das verändert letztendlich die Berufsbilder. Sowohl bei den Architekten als auch bei uns. Unser BIM-Entwicklungsteam besteht aus rund 30 Mitarbeitern, darunter hauptsächlich Architekten, Programmierer und Kollegen, die sich mit dem Thema 3D-Realitätserfassung beschäftigen. Scan to BIM durch Drohnen oder Fotogrammetrie – das ist eines von vielen Themen, die das BIM-Team unter anderem im Rahmen von Forschungskooperationen voranbringt. Zusätzlich haben wir inzwischen auch Mediendesigner im Team, die Goldbecks Systemsituation in VR übersetzen.

Sie haben seit letztem Jahr auch eine Forschungs- und Entwicklungseinheit in Stanford. Was ist in den USA anders als in Europa? 

JG: Zunächst einmal der andere Kulturkreis und der Spirit des Silicon Valley. Am Stanford-Institut trifft sich die ganze Welt, es wird von Bau- und Architekturunternehmen weltweit gefördert. Wenn wir dort ein Meeting der Förderer haben, dann treffen sich 30 bis 40 Unternehmen aus aller Herren Länder, die sich mit der Digitalisierung des Bauens beschäftigen. Das ist schon einmalig. 

Die Valley-Tech-Firmen sind mit scheinbar unendlich viel Kapital ausgestattet und agieren deshalb mit einer brutalen Geschwindigkeit. Das sind ganz andere Dimensionen des Denkens. Ganz andere Regeln desselben Spiels. An dieser Stelle mache ich mir wirklich Sorgen. Ich kenne niemanden in Deutschland, der ansatzweise so denkt. Das ist eine strategische Fragestellung, die sich im Jahr 2020 für uns ganz konkret stellen wird: Wie reagieren wir auf solche Herausforderungen? Diese Thematik wird uns treffen, das ist heute schon absehbar. Und wir werden es in spätestens zehn Jahren in der einen oder anderen Form auf dem deutschen Markt merken. Die Frage ist, welche Antwort wir schon vorher geben können, damit wir nachher nicht überrollt werden. 

„IN DER USA GELTEN GANZ ANDERE REGELN DESSELBEN SPIELS.“

JAN-HENDRIK GOLDBECK

Wo sehen Sie die Zukunft des Systems? In welchem Bereich wollen Sie wachsen? 

JG: Im Grunde genommen fühlen wir uns ganz wohl in den Produktwelten, in denen wir uns derzeit bewegen. Wir möchten durchgängig die Möglichkeit anbieten, auch mit systematisierten Ansätzen gute Architektur zu machen – und das nicht nur im Bereich der Grundstruktur des Gebäudes, sondern verstärkt im Bereich der Technologie bis hin zu einem Produkt-Service-Ökosystem. Das Gleiche gilt für den Innenausbau, für die Anmutungen, das Erlebnis, während man ein Gebäude nutzt. 

Bei vielen Bauunternehmen steht leider nicht im Fokus, dass der Kunde nicht um des Bauens willen baut, sondern um das Gebäude später zu nutzen. Die Nutzungsphase ist in deren Kopf eigentlich nur ein lästiges Übel. Denn sie beginnt ja erst nach der Abnahme. Zu diesem Zeitpunkt ist deren Arbeit größtenteils getan. Die Nutzungsphase beschränkt sich für sie auf fünf Jahre mühsame Gewährleistung. Was viele nicht sehen: Das bedeutet auch fünf Jahre institutionalisierten Kundenkontakts, den man nutzen sollte, um weiterhin Zufriedenheit zu erzeugen. 

Erst während der Nutzung eines Gebäudes sammelt man die entscheidenden Erfahrungen und Erlebnisse. Ich glaube, wenn wir sie institutionalisiert zurückspielen und daraus lernen, dann schaffen wir einen wirklichen weiteren Nutzen.

HM: Frankfurt ist extrem dynamisch und anders als andere deutsche Städte. Das kennt man sonst nur aus asiatischen Metropolen – dort ist es Teil unseres Lebens geworden. Aber das bringt Bewegung in eine Stadt. Zum Beispiel das Museumsufer: In einer Dekade und unter einem Kulturdezernenten so etwas zu initiieren und zu realisieren – da war Frankfurt schnell. Der Westhafen ist schnell entstanden, das Ost-end hat sich unglaublich verändert. Aber es gibt ja die Erkenntnis, dass es Spuren gibt, bei denen es für alle Beteiligten eine Qualität sein kann und Verpflichtung sein sollte, sie zu bewahren.

Herzlichen Dank für diese Einblicke.