Dreimal München.

StockWerk lud die Bauherren von drei Münchner Bauprojekten zu einer Interview-Rundfahrt durch München zu ihren Baustellen. Wir wollten wissen, was Heimat für sie bedeutet, warum sie in München sind und was sie an München besonders schätzen. Für alle drei Projekte gilt: Nicht ein Architekt zeichnet gesamthaft verantwortlich, stattdessen wurden mehrere Büros für die Realisierung ausgewählt. Ein Modell mit Zukunft?

Ein Gespräch mit Joachim Schmidt-Mertens, Geschäftsführer Becken Development GmbH, Hamburg, Tobias Wilhelm, Head of Munich, Art-Invest Real Estate Management GmbH & Co. KG und Gerhard Wirth, COO Isaria Wohnbau AG, München.

Fotos: Hannes Rohrer (Porträts), Rainer Taepper


Was ist Heimat?

Gregor Gutscher, Frankfurter Bub

Meine Heimat ist Frankfurt. Ich mag München sehr. Daher ist es für mich auch so ein Glücksfall, dass wir in München ein Büro haben. Ich habe früher einmal für fünf Jahre in München gelebt und gearbeitet und dachte, das ist ja alles noch Deutschland. Habe dann aber schnell gelernt, nein, ist es nicht – ist ja Bayern. Das war für mich ein intensiver Lernprozess, wie sehr man an gewohnten Sachen hängt. In diesem Zusammenhang finde ich den Begriff „gewohnt“ eigentlich ganz passend. München ist dem Wortsinn nach nicht meine Heimat geworden.

Tobias Wilhelm, Wiesbadener und Wahl-Münchner

Ich würde zwischen Heimat und Wurzeln differenzieren. Heimat verbindet man natürlich immer mit der Familie. Mit deiner Familie kannst du überall auf der Welt eine Heimat finden. Aber deine Wurzeln liegen vielleicht wo- anders. Meine zum Beispiel in Wiesbaden und Hessen. Damit verbinden mich viele Erinnerungen. Jetzt sind wir aber mittlerweile schon seit 15 Jahren in München und die Stadt ist mehr als nur unser Zuhause. Mün- chen ist Heimat geworden. Hauptsitz der Art-Invest ist in Köln. Wir arbei- ten auch nach dem Niederlassungs-Prinzip, sind in allen großen Metro- pol-Regionen Deutschlands vertreten. Unsere Niederlassung in München verantwortet mit aktuell 34 Mitarbeitern den gesamten Bereich Süd- deutschland. In der Projektentwicklung ist es sehr wichtig, dass man die- sen Heimat- und Ortsbezug hat. Dass es Menschen vor Ort gibt, die sich des Themas annehmen. Dass es kurze Entscheidungswege, kurze Wege zu den Partnern, zu den Architekten und allen Stakeholdern eines Projekts gibt. Wir sind der festen Überzeugung, dass ein Projekt nur dann emotio- nal vertreten werden kann, wenn man auch vor Ort sitzt. Das heißt für den Projektentwickler: Nur mit einem lokalen Bezug kann man erfolgreich am Markt bestehen.

Joachim Schmidt-Mertens, Hamburger

Heimat ist dort, wo Menschen zu Hause sind. Meine Heimat ist Hamburg. Da bin ich geboren, groß geworden, da habe ich fast mein ganzes Leben verbracht – da bin ich zu Hause. Aus Sicht unseres Unternehmens, der Becken Development GmbH, haben wir nicht nur Hamburg als Heimat, sondern auch Berlin, Frankfurt, München und Düsseldorf. Überall dort, wo unsere Projekte sind. Da stellt sich mir die Frage: Kann man mehrere Orte haben, die Heimat sind? Es gibt ja vielleicht nicht ganz ohne Grund keinen Plural von Heimat. Um das aufzufangen, haben wir vor Ort immer Mitarbeiter, die sich genau darum kümmern: Immobilien zu schaffen, die in die jeweilige Heimat passen.

Gerhard Wirth, Regensburger und Teilzeit-Münchner

Es kann sich schon das Zuhause verändern – ob sich dadurch die Heimat verändert, weiß ich nicht. Aber es hat viel damit zu tun, sich im Umfeld wohlzufühlen. Sich auch bei den Menschen dort wohlzufühlen, auch im städtischen Raum. Das hat viel mit Qualität zu tun. Man kann es im Moment ja weltweit sehen, viele Menschen verlieren ihre Heimat, dann weiß man das wieder anders wertzuschätzen. Das Kerngeschäft der Isaria Wohnbau AG, wie der Name sagt, ist das Wohnen, was man ja per se irgendwo auch mit Heimat und heimatlichen Gefühlen verbindet. In- sofern beschäftigt uns das Thema sehr stark. Wir kaufen relativ große Areale, die früher oft industriell genutzt wurden, und versuchen dort eine neue Heimat zu schaffen für Hunderte oder Tausende Menschen und ein Umfeld zu schaffen, in dem man sich zu Hause daheim fühlen kann.

Holger Meyer, gebürtiger Rheinländer, lebt in Frankfurt und fühlt sich doch ein bisschen als Bayer. Ich bin zwar im Rheinland, in Düsseldorf, geboren, meine Wurzeln liegen aber auch in Bayern, da mein Vater aus Bayern kommt. Wir waren immer viel hier, da meine Mutter aus Ostpreußen geflohen war und ihre Heimat für sie eigentlich nicht existierte. Ich kann daher Heimat nicht unbedingt auf einen Ort beschränken. Seit meiner Jugend lebe ich in Frankfurt. Hier bin ich schon verwurzelt. Das ist meine Heimat, auch wenn ich da nicht geboren bin. Aber ich fühle mich nicht als Frankfurter, auch nicht als Düsseldorfer. An München hängen auch sehr viele Erinnerungen, auch ein Stück Heimat für mich. Ich kann Heimat nicht unbedingt auf einen Ort beschränken. Diese Ambivalenz ist es, die für mich den Reiz ausmacht. Eben auch wie unsere zwei Bürostandorte in Frankfurt und München.


Warum München?

Joachim Schmidt-Mertens (JSM): Für mich als Projektentwickler aus Hamburg, der sich neben dem Wohnungsbau mit Bürobau beschäftigt, sehe ich erst einmal die offensichtlichen Qualitäten: Die Stadt liegt zentral und ist dank der guten Infrastruktur national und international erstklassig angebunden. Großer Flughafen, Bahnverkehr von und nach ganz Deutsch- land und Europa, ein gut ausgebautes Autobahnnetz. Das sind essenzielle Wirtschaftsfaktoren, die München zu einem idealen Unternehmensstandort machen. Automobilindustrie, Automotive-Zulieferer, IT-Unternehmen, Pharmaindustrie, Versicherungen, Elektrotechnik – alles da, was Rang und Namen hat.

Tobias Wilhelm (TW): München ist der drittgrößte Büromarkt Europas, nach London und Paris. Momentan haben wir eine extrem hohe Nach- frage nach Büroflächen – und in der Folge auch nach Wohnraum. Das stellt München natürlich vor gewisse Herausforderungen. Die Planungen von Sub-Zentren reichen bei weitem nicht aus, um den Zuwachs, den München in den letzten Jahren erlebt hat, aufzufangen. Hier fällt München interna- tional etwas ab, wenn man mit London oder Paris vergleicht. Dort wurden schon sehr früh Entwicklungszonen außerhalb des Zentrums identifiziert.

Gerhard Wirth (GW): Gott sei Dank tut sich einiges – das lag über Jahrzehnte ehrlicherweise schon ein bisschen brach. Die Kommunikation mit den umliegenden Gemeinden und Städten, mit den ganzen Dachaus dieser Welt und allen drum herum. Ohne die wird es nicht gehen. Es wer- den jetzt gerade zwischen 6.000 und 7.000 Wohnungen pro Jahr errichtet, in den letzten sogar etwas mehr. Das deckt aber noch lange nicht den Be- darf. Und schon stecken wir in der nächsten Diskussion über die Infra- struktur ...

TW: Das ÖPNV-System ist für die Anbindung des immer größer werdenden Einzugsgebietes extrem wichtig. Das Münchner System ist von 1972 und wurde seitdem zwar erweitert – aber nicht an den wachsenden Bedarf angepasst. Jetzt besteht großer Nachholbedarf. Auf Projekt und Nutzer maßgeschneiderte Mobilitätskonzepte könnten hier das Angebot des öf- fentlichen Nahverkehrs erweitern und ergänzen. Aber auch beim Thema Bauland bedarf es zum einen der frühzeitigen Ausweisung als solcher und zum anderen des Anspruchs der Entwickler, gute und nachhaltige Konzepte zu entwickeln. Nur dann können neue „Destinations“ entstehen, die den Ansprüchen der zukünftigen Nutzer entsprechen.



JSM: Die Stadt hat aber eine flächendeckende Qualität mit hochwertigen Quartieren. Das hat sich über lange Zeiträume entwickelt. München ist eine kulturell gewachsene Stadt. Etablierte Museen, gebaute Geschich- te und gelebte Tradition – ein Magnet für den internationalen Tourismus im Zentrum Europas. Dazu eine hohe Freizeitqualität in der Stadt und im Umland. Man ist schnell in den Bergen, Seen liegen vor der Haustür – die kennt sogar der Hamburger. (lacht) Außerdem die Nähe zum Mittelmeer – insgesamt eine sehr hohe Lebensqualität. Und München ist eine Stadt der Forschung, die eng mit den exzellenten Universitäten vernetzt ist. Und die vielen Studenten der Stadt sind wichtig für die soziale Mischung, für die Szene hier.

TW: Außerdem ist München eine sichere Stadt. In allen Aspekten, gerade auch im politischen Umfeld. Wenn man das im Vergleich zu Berlin sieht, ist München mit anderen Metropolen hier der Profiteur. Dass sich globale Unternehmen wie Google oder Apple bewusst für München ent- scheiden und hier große Flächen anmieten, spricht für die Stadt. So wird der attraktive Wirtschaftsstandort gleichzeitig zum Jobmotor, der Mün- chen für Investoren zur beliebtesten Stadt in Deutschland macht.

GW: Jeder kommt gerne hierher. Alle wollen nach München, wollen auch hier auf Dauer bleiben. Genau wegen der schon erwähnten Qualitäten, privat und am Arbeitsmarkt. Da sagt natürlich dann auch ein Google- Chef: super Stadt, super Universitäten. Unser Problem als reines Wohnungs- bauunternehmen ist, dass der Trend dahin geht, nur noch Grundstücke durchzuhandeln. Wir versuchen uns dieser Tendenz zu entziehen. Es wird ja ständig diskutiert, dass Bauen hier zu teuer ist und günstiger werden muss und soll. Befeuert dadurch, dass momentan alle in der Stadt wohnen wollen. Andererseits gibt es hier sehr konservative Kräfte, die an allem fest- halten und bloß keine Veränderungen zulassen mögen. Werte sind auch uns wichtig – aber ich denke mir da manchmal: Ein bisschen Mut fehlt schon!

Holger Meyer (HM): Das ist die Gegenreaktion zu dem enormen Tempo der Entwicklung gerade in den letzten zehn Jahren. Ganze Orte und Quar- tiere verändern sich rasend schnell.

Gregor Gutscher (GG): Da nimmt München seine Rolle der Planungshoheit aber sehr ernst. Das wird konsequent durchgeführt und die Qualität durchgängig hochgehalten. Das ist im Vergleich zu anderen Städten schon auffällig.


GW: München gehört zu den Städten, die auf der behördlichen Seite wirklich gut strukturiert sind und Qualitäten in der Planung einfordern. Wie zum Beispiel unser Projekt Diamaltpark in München-Allach im äu- ßersten Nordwesten Münchens. Wir haben da alles über Architekturwett- bewerbe entwickelt. Auch für die Bauten, die sozial gefördert sind.

HM: Wir arbeiten schwerpunktmäßig in Frankfurt und in München in beiden Städten haben wir eine sehr gut strukturierte Genehmigungs- und Behördenseite. Das liegt aber auch daran, dass man sich in all den Jahren ein Vertrauen erarbeitet hat. Und so schließt sich der Kreis ein biss- chen: Es gibt eine Basis, gewisse Türen stehen offen und plötzlich kann man auch einmal andere Wege gehen. Gerade weil man Dinge schon öfter genau so ausgeführt hat, wie sie besprochen waren.

GG: Für mich steht immer im Vordergrund, dass man als Architekt versteht, was den Menschen an dem Ort, für den ich etwas entwerfe und später vielleicht auch baue, wichtig ist. Wie ist das Lebensgefühl? Was sind die Gepflogenheiten bei den Nutzern? Aber auch in der Stadt? Wie ist das im Planungsteam und beim Amt? Das alles beeinflusst mich als Architekt und fließt in den Entwurf mit ein. Je intensiver ich den Ort kenne oder wahr- nehme, umso überzeugender werden die Lösungen. Ich habe früher in einem international tätigen Büro gearbeitet und ein 450-Meter-Hochhaus in China mitentworfen. Wir haben den Wettbewerb am Ende nicht gewonnen, weil nach einer chinesischen Tradition immer ein Drache um die Ecke fliegen können muss. Ich kann das jetzt lächerlich finden oder ich komme zu dem Punkt, mich damit ernsthaft auseinanderzusetzen. Und dazu brauche ich eine Nähe zu dem, was da kulturell passiert.




Hoch der Isar

Ein Projekt der Becken Development GmbH

An einem prominenten Ort mit grandiosem Ausblick über die Stadt entsteht auf dem ehemaligen Gelände der Paulaner Brauerei am Nockherberg in Mün- chen Au-Haidhausen ein neues innerstädtisches Wohnquartier. Der städte- bauliche Rahmenplan nimmt die kleinteilige durchgrünte Struktur des gründerzeitlichen Stadtteils Au-Haidhausen auf, der nach der teils groß- flächigen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg mit Wohnbauten der 1950er und 60er Jahre durchmischt wurde. Entstehen wird ein abwechslungsreich anmutender Quartiersblock mit insgesamt 195 Eigentumswohnungen, un- terschiedlichsten Wohnungstypen und einem begrünten Innenhof.

„Das Besondere an dem Konzept ist, dass wirklich unterschiedliche Haus- typen entstehen, nicht nur unterschiedliche Fassaden“, betont Joachim Schmidt-Mertens, Geschäftsführer von Becken Development GmbH im Gespräch. Dabei wurden, so Schmidt-Mertens, die Erwartungen der Stadt und des Gestaltungsgremiums sogar übererfüllt: „Es gab einen umfang- reichen Gestaltungsleitfaden, aber wir haben noch mehr gemacht. In vie- len Bereichen sind wir aber den Vorschlägen der Stadt gefolgt – das hat das Projekt insgesamt sehr qualitätsvoll gemacht.“

Die Becken Development GmbH erwarb 2017 das exklusivste Baufeld ent- lang der Hochstraße und beauftragte drei renommierte Architekturbüros mit der Ausarbeitung. In einem Werkstattverfahren wurden die Vorgaben des städtebaulichen Konzepts umgesetzt und eine Kette von 13 Wohnhäu- sern entwickelt. Gemeinsam mit der bestehenden Häuserzeile entlang der Hochstraße schließen sie einen Block. So entstehen Häuser, die in Charak- ter und Größe unterschiedlich sind, was sich in einem belebten Wechsel von Fassadentypen – Klinkerfassade, Putzfassade, Natursteinfassade, Beton- fertigteile – widerspiegelt.

Alle Häuser ordnen sich dem Gestaltungsleitfaden des Quartiers unter. Um den Vorgaben des Wohnungsmix gerecht zu werden, entstehen in den unteren Etagen kleinere Wohneinheiten. Die größeren Wohnungen liegen in den oberen Etagen. Die Dachgeschosswohnungen verfügen über groß- zügige Terrassen. Das gesamte Quartier steht auf einer Tiefgarage mit 210 Stellplätzen, die direkt an die Wohnungen angebunden sind. holger meyer architektur plant vier Wohnhäuser und koordiniert zusätzlich die Gesamt- planung des rund 18.000 m2 großen Projekts.

 

Zum Projekt


„Man wird vielleicht nicht unbedingt merken, dass das ein Neubau ist. Sondern nach kurzer Zeit denken, dass dieses Ensemble von Häusern vielleicht schon länger hier steht, da die Häuser ja alle unterschiedlich aussehen.

JOACHIM SCHMIDT-MERTENS